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Dem Himmel so nah

Gemälde von Helga Clauss in der Schaustelle Kirchentag

Himmel und Meer sind eins. Aus der unendlich blauen Weite taucht ein schwarzes, felsiges Inselchen auf. Ähnlich der Insel „Le galli“ unweit von Capri, die einst Sehnsuchts- und Zufluchtsort von Rudolf Nurejew war. „zurück-ziehen“, der Titel dieses großformatigen Gemäldes von Helga Clauss, definiert genau das, was der exilierte russische Ballettstar an der göttlichen Küste des Golfes von Neapel suchte und fand.

Auch die Bremer Malerin und Grafikerin, deren Bilderzyklus „Himmel Erde Mensch“ bis zum 12. Juli in der Schaustelle des Deutschen Evangelischen Kirchentages zu sehen ist, lässt sich immer wieder von „Cielo e mar“, wie in der Oper La Gioconda“ besungen, inspirieren. Die unendliche Weite von Himmel und Meer hat sie auf ihren Reisen nach Italien und zuletzt Tibet in den vergangenen drei, vier Jahren eingefangen und in ihren Skizzenbüchern mit nach Bremen gebracht. „Das ist mein Kapital“, sagt die Künstlerin. In ihrem Atelier trägt sie auf einige ihrer Gemälde die Farbe wie auf dem Fries „morgen abend“ teilweise pastos, direkt aus der Tube auf.

Die Farben scheinen förmlich zu explodieren, das Neapel-Gelb der aufgehenden Sonne trifft auf ein Firmament in verschiedenen Aquaschattierungen von Celeste über Azzurro, das sich bis hin zur rot versinkenden Sonne wölbt. "Himmel Erde Mensch" lädt zum sich „zurück-ziehen“ und zum „ein-tauchen“ in frei assoziierende Interpretationswelten ein. „ein-tauchen“ ist der Titel eines Bildes, auf den Wogen der spritzenden Meeres-Gischt tanzt darauf ein violettes Schiffchen hin und her. „Ist das nicht das Körbchen, in dem sich Moses befindet ?“ so die Assoziation einer Ausstellungs-Besucherin. Eine andere vermeinte in „fabel-sein“ im blass-hellen Mond, der über einem Einhorn schwebt, das auf warmen Erdtönen auszumachen ist, „das Auge Gottes“ zu entdecken. Das kleine Ornament oder die kleine Menschengestalt ritzt die Malerin in die Lack-Lasur mancher Werke ein.

„Klein- sein“ oder die farbenfrohe, erotische Miniatur in „umarmt-sein“ könnte einerseits die Demut des kleinen Menschen vor der Schöpfung symbolisieren, andererseits sein Geborgen- und Aufgehobensein eben „in der unbegreiflichen Schönheit und Vielfalt unserer Welt“, resümiert Helga Clauss, die in ihren Werken neben „Himmel und Meer“ auch das zentrale Element der „Mutter Erde“ eingefangen hat. Der Berg mit einem winzigen Menschen an seinem Fuß in „klein-sein“ erinnert Katja Tamchina, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in seinen kräftig aufgetürmten Terrakotta-Farben gar an einen Vulkanausbruch.

Die Schau und das Kirchentagsmotto treffen sich in der kritischen Hinterfragung der Verantwortung des Menschen der Schöpfung gegenüber. Ein Impuls, der zum Nachdenken anregen soll. So sei es eine glückliche Fügung gewesen, dass der Gemälde-Zyklus perfekt mit dem Kirchentagsmotto „Mensch, wo bist du ?“ korrespondiert, so Katja Tamchina. „Diese Ausstellung ist wirklich ein schöner Auftakt für die Schaustelle. Das ist jetzt unser Schmuckstück“, fügt sie hinzu.

„Himmel Erde Mensch“ prägt bis zum 12. Juli das Gesicht des Kirchentag-Domizils. Hier finden Lesungen, Diskussionen sowie am 4. Juli ein Chorkonzert statt. Geöffnet ist die Schaustelle von Montag bis Donnerstag von 9 bis 17 Uhr, freitags bis 14 Uhr. Die Lage in der ehemaligen Schalterhalle der Alten Post am Bahnhofsvorplatz, ist ideal für eine kleine Auszeit vom hektischen Treiben draußen.

Quelle: Weser-Kurier, 23. Juni 2008 · Text: Sigrid Schuer